01.09.2026
Presse-Feature
Wirtschaft
Interview: Nachhaltige Lieferketten bei Bosch
Welche Aufgabe haben Einkauf und Logistik bei Bosch? Flemming: Bosch vereint Einkauf und Logistik im Supply Chain Management, um für robuste und nachhaltige Lieferketten von der Beschaffungsquelle bis hin zur Auslieferung zu sorgen. Das ist ein zentraler Grundstein, damit Bosch mit Technik das Leben der Menschen verbessern und zur Schonung natürlicher Ressourcen beitragen kann. Im Supply Chain Management arbeiten wir eng mit unseren weltweit rund 230 Fertigungswerken und gut 250 000 Kunden zusammen. Die Aufgabe ist es, die Verfügbarkeit von Komponenten, Rohstoffen und Produkten kundengerecht sicherzustellen. Dabei sind hohe Qualität und wettbewerbsfähige Preise wichtige Ziele, die wir gemeinsam mit unserem Lieferantennetzwerk aus mehr als 35 000 Herstellern und Dienstleistern verfolgen. Unser Lieferantennetzwerk ist darüber hinaus eine wichtige Quelle für die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft von Bosch. Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit für die Lieferketten? Flemming: Bosch nimmt seine unternehmerische Verantwortung sehr ernst. Deshalb strebt das Unternehmen mit seiner langfristigen Ausrichtung nach einer Balance aus Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Diese Verantwortung reicht mit einem jährlichen Einkaufsvolumen von fast 50 Milliarden Euro weit über die Werkstore hinaus. Somit haben Lieferketten mit einem hohen Maß an Nachhaltigkeit und sozialen Standards für Bosch einen besonderen Stellenwert. Gemeinsam mit unserem weltweiten Lieferantenstamm arbeiten wir am ressourcenschonenden Einsatz von Rohstoffen und Material sowie der konsequenten Reduktion von CO2-Emissionen. Das wollen wir etwa durch Vermeiden von Transporten oder optimierte Verpackungen erreichen. Wir sind überzeugt, dass Unternehmen nur auf Basis robuster und nachhaltiger Lieferketten im weltweiten Wettbewerb bestehen und damit zum globalen gesellschaftlichen Wohlstand beitragen können. Wie geht das Supply Chain Management von Bosch mit geopolitischen Umbrüchen und zunehmenden Wetterextremen um? Flemming: Stabile Lieferketten sind die Basis für eine funktionierende Wirtschaft. Für Bosch bedeutet es, sich auch im Supply Chain-Management frühzeitig auf immer neue Entwicklungen im Welthandel einzustellen. Dazu verfolgen wir eine „Local-for-local“-Strategie, mit der wir globale Lieferketten verkürzen, flexibilisieren und damit weniger anfällig machen. Mit unserem weltweiten Fertigungsnetzwerk produzieren wir dort, wo unsere Kunden sind. Ein vorausschauendes Supply-Chain-Risk-Management erlaubt es Bosch, auf Risiken etwa durch Lieferengpässe, Naturkatastrophen oder Blockaden von Seewegen frühzeitig zu reagieren. Um bei solchen Störungen globaler Lieferketten oder von Transportwegen Hand in Hand zu arbeiten, ist ein partnerschaftlicher und wertschätzender Umgang mit unseren Lieferanten eine wichtige Voraussetzung. Daneben hilft uns ein hoher Digitalisierungsgrad in den Lieferketten, um in Echtzeit Transparenz über Bestände und Bedarfe zu erhalten – von der Beschaffung über die Fertigung bis hin zum Kunden. Wie sorgt Bosch für die Einhaltung von gesetzlichen Vorgaben, Umwelt- und Sozialstandards in seinen Lieferketten? Flemming: Bosch unterhält als globaler Technologieanbieter Lieferbeziehungen mit Unternehmen und Dienstleistern in rund 60 Ländern der Erde. Mit weitreichender Standardisierung unserer Stammdaten und Prozesse im Lieferantenmanagement sind wir in der Lage, unterschiedliche regulatorische Anforderungen zu erfüllen. Die Digitalisierung hilft uns einerseits, im Interesse wettbewerbsfähiger Preise administrative Mehraufwände in den Lieferketten wo immer möglich abzufedern. Andererseits erleichtert es uns, Berichtspflichten nachzukommen und Nachhaltigkeitsziele in den Lieferketten zu verfolgen. Zum Beispiel entwickeln wir Lieferanten weiter, die von Qualitätsstandards abweichen oder prüfen risikoabhängig die Einhaltung von Umweltschutzvorgaben und Menschenrechten. Bei der Senkung von CO 2 -Emissionen wirken unsere Anforderungen als Hersteller und Zulieferer wiederum auf Tausende unserer Lieferanten und Vorlieferanten – gemeinsam vervielfachen wir damit den Beitrag zum Klimaschutz. Was sind die neuesten Trends und Entwicklungen in Einkauf und Logistik bei Bosch? Flemming: Wir bauen den Einsatz von generativer KI aus, um zum Beispiel die automatisierte Planung für unsere Lieferketten weiter zu stärken. Damit können wir etwa durch selbstlernende Systeme äußere Marktfaktoren viel besser in die Nachfrageplanung unserer Kunden einbeziehen. Auch erproben wir humanoide Roboter in Verbindung mit SAP-Prozessen in der Lagerverwaltung. Im Supply Chain Management von Bosch spielt die automatisierte Planung damit weiterhin eine Schlüsselrolle. Bei äußeren Einflüssen wie etwa Flutschäden bei Lieferanten oder Materialengpässen am Markt wollen wir noch besser und ergebniswirksamer handeln können. KI erleichtert uns zudem bereits in der Beschaffungsphase die Prognose von Qualitätsfehlern und deren Vermeidung – bevor sie überhaupt auftreten können. Bei unseren Abläufen setzen wir konsequent auf funktionsübergreifende End-to-End-Prozesse, die wir ständig weiterentwickeln. Ein weiteres wichtiges Element ist ein durchgängiger, elektronischer Datenaustausch – zum Beispiel beginnend bei unseren Lieferanten mittels unserer Digitalplattformen über unsere Werke bis hin zu unseren Kunden. Dr. Arne Flemming ist Leiter Supply Chain Management bei Bosch. In dieser Funktion verantwortet er die Lieferkettensteuerung der Bosch-Gruppe mit weltweit rund 38 000 Mitarbeitenden in den Teilbereichen Einkauf und Logistik.