Mobility Solutions

Über die Motorhaube hinaus: Das neue Selbstverständnis des Systemlieferanten Bosch Referat von Dr. Rolf Bulander,
Vorsitzender des Unternehmensbereichs
Mobility Solutions der Robert Bosch GmbH
anlässlich des 62. Motorpressekolloquiums am 19. Mai 2015 in Boxberg

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  • 19. Mai 2015
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Pressetext

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es muss nicht immer der Motor sein, der uns auf dem Motorpressekolloquium von Bosch bewegt. Zur 62. Veranstaltung dieser Art heiße auch ich Sie hier im Boxberger Testzentrum willkommen. Doch beschäftigt uns in der Tat nicht allein die Technik unter der Motorhaube, vielmehr auch der Straßenverkehr. Ein Verkehr, der in Paris ähnlich wie in Peking nach geraden und ungeraden Tagen reglementiert wird. Ein Verkehr, der sich in London mit Tempo 19 bewegt, in Mumbai mit schwindelerregenden fünf Stundenkilometern. Das deutet darauf hin, dass wir zumindest in großen Städten die individuelle Mobilität neu denken müssen, vernetzt mit Bikes, Bahnen und Bussen. Eben deshalb richtet sich der Blick von Bosch über die Motorhaube hinaus. Mit zwei Punkten lässt sich der Wandel unseres Selbstverständnisses umreißen:

  • Wir sind Systemlieferant – und das ist schon jetzt mehr als ein Lieferant von Brems- und Einspritzsystemen.
  • Wir liefern Systeme für die ganze Mobilität – und damit auch Lösungen für das Zusammenspiel des Autos mit anderen Verkehrsträgern und der Infrastruktur.
Vor diesem Hintergrund hat Bosch seine Kraftfahrzeugtechnik in Mobility Solutions umbenannt. Der neue Name ist Programm. Das möchte ich in meinem Eingangsstatement zeigen. So werde ich nach einem Blick auf die aktuelle Geschäftslage unsere Sicht auf die Mobilität der Zukunft skizzieren und die Schlüssigkeit unserer technischen Antworten verdeutlichen. Mit den entsprechenden Lösungen kommen wir bereits voran – davon möchte ich am Schluss dieses Statements erste Eindrücke vermitteln. Im Sinne unseres Leitmotivs „Technik fürs Leben“ wollen wir nicht nur den Motor, wir müssen auch den Verkehr effizienter machen. Nur so können wir uns als Mobilitätsanbieter der Zukunft verstehen.

Die Geschäftslage: Das kräftige Wachstum setzt sich fort
Zunächst aber zum laufenden Geschäft. Der Bosch-Unternehmensbereich Mobility Solutions erzielte 2014 einen Umsatz von 33,3 Milliarden Euro. Das bedeutet ein Wachstum von 8,9 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie die Zunahme der weltweiten Automobilproduktion. Dabei stieg der Absatz wichtiger Erzeugnisse wie dem Elektronischem Schleuderschutz ESP, der Benzin- und Diesel-Direkteinspritzung um jeweils rund 20 Prozent. Besonders kräftig legten unsere sauberen Dieselsysteme in China zu – unser Beitrag für klarere Luft über Beijing und Shanghai.

2015 setzen wir mit den Mobility Solutions unseren Wachstumskurs fort. Dabei konsolidieren wir seit Februar Bosch Automotive Steering, das Geschäft mit Lenksystemen. Vergleichbar gerechnet konnten wir schon im ersten Quartal dieses Jahres unseren Umsatz real um sieben Prozent steigern. Dabei fiel das Plus nominal aufgrund der derzeitigen Wechselkurseffekte mit 13 Prozent deutlich höher aus. Weltweit hat unser Unternehmensbereich Mobility Solutions einen Verbund von 126 Fertigungs- und 59 Entwicklungsstandorten. Er beschäftigt rund 205 000 Mitarbeiter. Davon sind mehr als 39 500 für Forschung und Entwicklung tätig. Das ist die Mannschaft, die auf die Mobilität der Zukunft hinarbeitet.

Die Mobilität der Zukunft: Es muss nicht immer das Auto sein
Wohin aber entwickeln sich Auto und Verkehr übers Jahr hinaus? Auf den ersten Blick scheint alles klar und positiv vorgeprägt zu sein. Wir sehen gerade fürs Autofahren eine Kongruenz zwischen gesellschaftlichen und technischen Trends. So wird zum Beispiel die Kraftstoffeffizienz durch den Klimaschutz begünstigt. Doch wie unsicher Prognosen sein können, hat vor einigen Jahren die Wirtschafts- und Finanzkrise nochmals deutlich gezeigt. Es wäre fahrlässig, sich auf eine geradlinige Marktentwicklung zu fixieren.

Die Grundzüge langfristigen Wandels voraussehen, das ist nur das eine. Das andere ist die Vorbereitung auf die Volatilität unserer Märkte. Wie gelingt beides? Doch nur, indem wir in Szenarien denken. Dazu haben wir bei Bosch eine Reihe von Zukunftsbildern entworfen. Um hier nur beispielhaft zwei konträre Bilder gegenüberzustellen:

  • Eines dieser extremen Szenarien ist die Globalisierung des Fahrspaßes. Dies bedeutet trotz aller Reglementierungen: Die Faszination, die vom eigenen Auto ausgeht, bleibt ungebrochen. Danach verbreitet sich die individuelle Mobilität weiter, das Internet steigert das Fahrerlebnis, etwa mit Musik aus der Cloud. So wird in den Industrieländern die Fahrzeugnachfrage durch Innovationen getrieben, in den Schwellenländern durch die Übernahme westlicher Konsumstandards. Tatsächlich kommen heute in China 50 Pkw auf 1 000 Einwohner, in der Europäischen Union gut 500. Nach dem Szenario des „fun for everyone“ würden sich diese Zahlen annähern.
  • Ein ganz anderes Szenario ist das der ökologischen Globalisierung. Danach wird die Welt grün – sei es, weil sich die Einsicht in den Klimaschutz auf dem ganzen blauen Planeten durchsetzt, sei es, weil Megacities in allen Teilen der Triade den Individualverkehr beschränken. Die Folge: Nicht nur in den Industrieländern, auch in den Schwellenländern ziehen die Emissions- und Effizienzregeln fürs Auto weiter an. Schon jetzt verschärfen Länder wie China und Indien ihre Abgasvorschriften nach europäischem Vorbild. Nach dem Szenario der grünen Welt wird die individuelle Mobilität nicht nur verstärkt reguliert – sie wird zunehmend durch andere Verkehrsträger ergänzt. Dem entsprechen reale Planungen: So will China bis 2030 voraussichtlich 170 neue Nahverkehrssysteme wie U- und S-Bahnen bauen.
Elektrifiziert, automatisiert, vernetzt: Die Entwicklungen ergänzen sich
Die beiden Zukunftsbilder markieren Extreme, eine emotionale und eine ökologische Perspektive des Autofahrens. Und doch sind die technischen Antworten identisch. Egal ob die individuelle Mobilität weltweit weiter zunimmt oder stärker reguliert wird – in jedem Fall zeichnet sich die Elektrifizierung des Antriebs, die Automatisierung und die Vernetzung des Fahrens ab. Dies lässt sich in allen drei Punkten kurz begründen:

  • Erstens wird die Elektromobilität durch die gleichen politischen Vorgaben gefördert wie schon der Fortschritt des Verbrennungsmotors: nämlich durch schärfere Effizienz- und Emissionsregeln. Und doch ist sie mehr als eine grüne Pflichtaufgabe, sie setzt sich gerade auch über den Fahrspaß durch. Denn sie beschleunigt mit großem Drehmoment selbst bei kleinen Drehzahlen.
  • Zweitens macht auch das automatisierte Fahren den Straßenverkehr effizienter und vor allem sicherer. Es vermeidet menschliche Fehler, die bisher neun von zehn Unfällen verursachen. Schon jetzt entlastet die Fahrerassistenz im Stop-and-go, also in den langweiligen Phasen des Fahrens. Und ein Auto mit Autopilot erzeugt ein ganzes neues Fahrerlebnis – es wird zum mobilen Zuhause.
  • Drittens hilft selbst das vernetzte Fahren sparen. Auf den ersten Blick steigert das Internet vor allem die Möglichkeiten des mobilen Infotainments. Aber es kann auch Echtzeit-Informationen liefern, um Staus zu vermeiden oder die Ladestrategie von Hybridfahrzeugen je nach aktueller Verkehrslage zu steuern.
Ob Elektrifizierung, Automatisierung oder Vernetzung – alle drei Entwicklungspfade machen die individuelle Mobilität nachhaltig und attraktiv zugleich. Damit sind sie auch mit gegenläufigen Zukunftsbildern kompatibel – mit der der „grünen Welt“ ebenso wie mit dem „fun for everyone“. Und nicht zuletzt ergänzen sich die drei Pfade untereinander. Denn es fährt sich entspannter, wenn übers Internet nicht nur der nächste freie Parkplatz, sondern auch die nächste freie Ladesäule zu finden und zu buchen ist. Und automatisiert fährt es sich noch sicherer, wenn sich die Fahrzeuge gegenseitig vor unübersichtlichen Kreuzungen oder einem aktuellen Stauende warnen. Unsere Entwicklungen passen nicht bloß in die Zukunft, sie greifen auch schlüssig ineinander.

Auf dem Weg in die Zukunft: Geschäftliche Erfolge sind möglich
Wie aber kommen wir auf unseren Wegen in die Zukunft voran? Bosch erzielt nicht nur technische, vielmehr auch bereits geschäftliche Erfolge. Auch das kann ich auf allen drei Entwicklungspfaden deutlich machen:

  • Zum ersten: Die Elektromobilität kommt, entgegen mancher Vorbehalte. Dafür spricht der Ausbau der Infrastruktur ebenso wie der Fortschritt der Technik. Bis 2020 wollen wir die Batteriekosten halbieren, bis dahin werden weltweit rund drei Millionen Ladesäulen installiert sein, zehnmal so viel wie 2013. Damit kann der Markt in der nächsten Dekade signifikant wachsen. 2025 werden bereits 15 Prozent aller Neufahrzeuge über einen elektrifizierten Antrieb verfügen. Das heißt aber auch: Der Verbrennungsmotor bleibt bis in die nächste Dekade hinein die Basis für eine effiziente Mobilität. Diese Basis werden wir noch verbessern, denn wir können mit unseren Maßnahmen in den nächsten fünf Jahren den Verbrauch des Diesels um bis zu zehn Prozent, den des Benziners um maximal 20 Prozent reduzieren. Und im Zusammenspiel mit dem Elektromotor hat der Verbrenner seine effizienteste Zeit vor sich. Gerade für diese Hybridisierung des Antriebsstrangs bringt Bosch breites Know-how mit, und daraus resultiert eine Vielfalt von Lösungen. Schon jetzt haben wir 30 Serienaufträge für die Elektrifizierung des Fahrens realisiert, davon zehn für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge der Oberklasse. Und für die Mittelklasse arbeiten wir am kostengünstigen Einstiegshybrid, dazu haben wir einen Großserien-Auftrag. Bosch hat die Erfahrung, um aus einem alternativen Antrieb eine Erfolgsgeschichte zu machen. Das ist uns mit dem Diesel gelungen, das wollen wir auch mit dem Elektroantrieb schaffen.
  • Zum zweiten: Das automatisierte Fahren kommt über einen Markt, der schon jetzt kräftig expandiert – die Fahrerassistenz. Jährlich legt der Umsatz von Bosch auf diesem Markt derzeit um ein Drittel zu. Unser Absatz von Radar- und Videosensoren verdoppelt sich 2015 wie schon 2014. Bei Radarsensoren sind wir Weltmarktführer. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr erstmals mehr als 50 Millionen Sensoren für die Fahrerassistenz ausgeliefert. Und die Entwicklung geht weiter: In diesem Jahr bringen wir eine Reihe neuer Assistenzsysteme in Serie, für das ferngesteuerte Parken ebenso wie für Stau, Ausweichen und Linksabbiegen. Bis 2020 wollen wir den Highway-Pilot realisieren, das automatisierte Fahren auf der Autobahn. An solchen Funktionen arbeiten bei Bosch rund 2 000 Entwickler, gut 700 mehr als vor zwei Jahren. Mit der Akquisition von ZF Lenksysteme haben sich unsere Voraussetzungen erneut verbessert. Mit Technik von Bosch kann das Auto der Zukunft nicht nur selbsttätig beschleunigen und bremsen, sondern auch automatisch lenken.
  • Zum dritten: Das vernetzte Fahren ist bereits über Pilotprojekte hinaus. Steuergeräte-Daten und Fahrprofile erfassen und übertragen, daraus präventive Wartungstermine oder Hinweise für weniger Verbrauch ableiten –allein dafür wird Bosch bis Jahresende rund 200 000 Fahrzeuge vernetzen. Wir unterstützen damit das Flottenmanagement von Leasinggesellschaften und Versicherungen – oder auch den Service direkt für den Autofahrer in unserem eigenen Mobilitätsportal Drivelog. Überdies entwickeln wir ganz neue Lösungen für den urbanen Verkehr. Ausgangspunkt sind zum Beispiel die mikromechanischen Sensoren, wie wir sie im ESP einsetzen. Wir machen sie internetfähig und bringen sie unauffällig in Parkflächen unter. Dort erkennen sie die Belegung, so dass im Internet eine Echtzeit-Parkkarte entsteht. Dies wird die Suche nach einem freien Parkplatz, immerhin 30 Prozent des städtischen Verkehrs, deutlich reduzieren. Zugleich vernetzen wir die verschiedenen Verkehrsträger. Car- und Bikesharing, Bahnen und Busse mit einer Chipkarte nutzen, die auch Eintrittskarte für Schwimmbäder oder Bibliotheken sein kann - dazu haben wir die Software-Lösung für das laufende Pilotprojekt Stuttgart Services realisiert. Eine Vorschau auf den Verkehr der Zukunft.
Neue Kunden, neue Services: Bosch erweitert sein Geschäft
Mit diesen Beispielen komme ich vorerst zum Schluss. Gerade am Thema Vernetzung zeigt sich die neue Reichweite unserer „Mobility Solutions“:

  • Zum einen neue Produkte über das Auto hinaus, etwa Services für den Stadtverkehr.
  • Zum anderen neue Kunden über die Automobilindustrie hinaus – in Zukunft können es alle Verkehrsteilnehmer sein.
Auch in der Automobilindustrie selbst hat sich unsere Kundenbasis verbreitert, bis hin zu den neuen Branchenspielern aus Kalifornien. Wie auch immer sich Auto und Verkehr verändern – Bosch trägt agil zu den Veränderungen bei. Und dabei werden wir nicht stehen bleiben. Denn bekanntlich geht die Vielseitigkeit von Bosch über Auto und Verkehr hinaus. So können wir das Fahrzeug auch mit dem Smart Home vernetzen – so dass zum Beispiel die Navigation die Heizung anweist, das Wohnzimmer rechtzeitig vorzuwärmen, bevor wir dorthin zurückkehren. Bosch bietet im Haus ebenso wie im Auto Technik fürs Leben. Wir können beides vernetzen, und daraus entsteht eine neue Lebensqualität. Mit der Vielseitigkeit unseres Know-hows haben wir die besten Voraussetzungen für die Mobilität der Zukunft.

RF00251 - 19. Mai 2015

Ihr Ansprechpartner für Journalisten

Stephan Kraus

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