Bosch Sensortec, Akustica

Interview mit Michael Blichmann,
Chef von Bosch Energy and Building Solutions:
„Eingesparte Energie muss auch nicht bereitgestellt werden“

  • 20 Prozent Einsparung in fast jedem Haus möglich
  • „carbon footprint“ als Verkaufsargument
  • Chancen durch Vernetzung
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  • 27. November 2014
  • Bosch Sensortec, Akustica
  • Presseinformation

Pressetext

        Lässt sich die Abwärme der Produktion noch zum Stromerzeugen oder
        zum Heizen verwenden? Ist ein eigenes Blockheizkraftwerk eine gute
        Alternative für die Strom- und Wärmeversorgung? Bosch geht davon aus,
        in fast jedem kommerziellen Gebäude 20 Prozent Energie sparen zu können.


Stuttgart – Die Energieexperten der Bosch-Tochter Bosch Energy and Building Solutions GmbH (BEBS) gehen davon aus, den Energieverbrauch in jedem bestehenden Gebäude um mindestens 20 Prozent reduzieren zu können. Diese Dienstleistung bietet BEBS den Betreibern großer Gebäude wie beispielsweise Krankenhäusern, Bürokomplexen und mittelständischen Betrieben an. Im Mittelpunkt steht die optimale Vernetzung verschiedener Versorgungssysteme, um Energie möglichst effektiv, kostengünstig und ressourcenschonend zu nutzen. Michael Blichmann, der Chef des Bosch-eigenen Energiedienstleisters, erklärt vor dem Hintergrund des Weltklimareports und der UN-Klimakonferenz, warum dies eine immer größere Bedeutung bekommt.

Herr Blichmann, was erwarten Ihre Kunden?
Unsere Kunden stehen in ihrem jeweiligen Geschäftsfeld in einem immer härteren Wettbewerb. Darum hinterfragen sie konsequent alle Kostenpositionen. Gerade bei großen Gebäuden spielt Energie eine wachsende Rolle. Denken Sie nur an die Kühlung in Rechenzentren oder Strom und Prozesswärme in einer Fertigung. In einem Krankenhaus stehen die Energiekosten hinter den Personalkosten an zweiter Stelle. Entsprechend erwarten die Kunden, dass wir den erforderlichen Energieeinsatz merklich optimieren und somit die Kosten senken. Zugleich gewinnt das Thema Energieeffizienz vor dem Hintergrund des Klimawandels für viele Menschen eine besondere Relevanz.

Können Sie das Einsparpotenzial beziffern?
Wir gehen davon aus, dass wir in jedem bereits bestehenden Gebäude den Energieverbrauch um mindestens 20 Prozent reduzieren können.

Warum ist das nicht längst geschehen?
Einerseits hat sich der Handlungsbedarf durch die kräftig gestiegenen Energiekosten weiter verschärft. Hinzu kommt aber auch, dass uns heute technische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die es so noch vor wenigen Jahren nicht gab. Dadurch können wir für unsere Kunden ganz neue Potenziale bei der effizienten Nutzung von Energie erschließen. Gleichzeitig werden die Energieversorgungssysteme komplexer. Deshalb wollen vor allem mittelständische Unternehmen dieses Thema einem spezialisierten Dienstleister überlassen. Dadurch bleiben mehr Zeit und Mittel, um sich auf das eigene Kerngeschäft zu konzentrieren.

Was ist in diesem Bereich denn so kompliziert geworden?
Die Angebotsseite wird durch dezentrale Anlagen komplexer. Hier den Überblick zu behalten und ein Optimum herauszuholen, ist nicht leicht. Oder denken Sie nur an die intelligenten Netze, sogenannte Smart Grids. Immer mehr Geräte und Systeme sind über das Internet miteinander verbunden. Das Internet der Dinge und Dienste spielt auch auf unserem Markt eine immer größere Rolle. Durch diese Vernetzung werden in den kommenden Jahren mehr Lösungen und Dienstleistungen rund um die effiziente Nutzung von Energie entstehen. Dynamische Tarife für Strom sind so ein Beispiel.

Was sind das für Tarife?
Sie richten sich nach der Höhe der Gesamtnachfrage. Zu Spitzenzeiten ist Strom besonders teuer – nachts dagegen preiswerter. Die Energiewirtschaft versucht so, die Nachfragespitzen auszugleichen. Dieses Tarifmodell kann man nutzen, denn heute ist es möglich, den aktuellen Strom-, Wärme- oder Kältebedarf in einem Gebäude sehr genau zu ermitteln und zu steuern. So kann man beispielsweise Geräte zu Zeiten abschalten, in denen Strom besonders teuer ist. Wenn in der Nacht die Tarife günstiger sind, gehen diese Geräte verstärkt ans Netz. Hier ist auch der Gesetzgeber gefragt – rechtlich möglich sind die Tarife, angeboten werden sie bisher allerdings nicht flächendeckend. Da geht viel Potential verloren.

Krankenhäuser oder komplexe Fertigungen haben aber einen konstanten Bedarf. Abschalten wird wohl kaum gehen. Wie gehen Sie da vor?
Auch in diesen Bereichen kann man mit entsprechender Steuerung Geräte und Anlagen, die nicht immer gebraucht werden, abschalten und somit Potenziale heben. Bei einigen Gebäuden mit konstantem Eigenbedarf stellt sich eher die Frage, ob beispielsweise ein eigenes Blockheizkraftwerk nicht der richtige Ansatz ist. So eine Anlage kann dann präzise auf den jeweiligen Bedarf zugeschnitten werden.

Diese Kunden müssen dann aber erst einmal kräftig investieren, bevor sie eines Tages auch tatsächlich sparen…
Nicht unbedingt. Wir bieten den Kunden sogar an, dass wir so ein dezentrales Kraftwerk für sie betreiben und nur die tatsächlich bezogene Wärme oder den tatsächlich bezogenen Strom in Rechnung stellen. In jedem Fall rechnen wir genau aus, welche Maßnahmen welche Vorleistungen benötigen und wie sie für den Kunden sinnvoll umgesetzt werden können. An der Stelle wird besonders klar: Auf den Kunden individuell zugeschnittene Dienstleistungen werden in der Energieversorgung zunehmend wichtiger. In einigen Jahren dürfte die individuelle Betreuung sogar das entscheidende Kriterium für die Wahl eines Energieanbieters sein.

Der Betrieb von Anlagen zum Erzeugen von Energie ist aber doch eigentlich das Kerngeschäft der großen Energieversorger. Warum sollen die Kunden ausgerechnet zu Bosch kommen, statt die Dienstleistung von einem der etablierten großen Versorger zu beziehen?
Es spricht sich immer mehr herum, dass Bosch eine breit gefasste Expertise vorweisen kann. So greifen wir zusammen mit unseren Kollegen von Bosch Thermotechnology auf jahrzehntelange Erfahrung beim Betrieb von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zurück. Die Kollegen von Bosch Security Systems bringen ihr Wissen über die optimale Vernetzung und Steuerung komplexer Gebäude ein. Von Bosch Rexroth hingegen kommt viel Erfahrung bei der Optimierung von Fertigungen und Produktionsanlagen. Unsere Kunden sehen in Bosch daher weit mehr als ein Unternehmen, das sich nur darauf spezialisiert hat, Energie zu verkaufen.

Wie gehen Sie konkret vor?
Unsere Spezialisten beginnen mit einer Analyse der aktuellen Situation an Ort und Stelle. Dann werden die Effizienzpotenziale ermittelt und entsprechende Lösungsansätze erarbeitet. Eine große Rolle spielt dabei die Frage, wie Energie möglichst effektiv genutzt werden kann. Denn eingesparte Energie muss auch nicht bereitgestellt werden. Beispielsweise prüfen wir, ob Wärme, die im Zuge eines Produktionsprozesses entsteht, vielleicht noch zur Stromerzeugung oder zur Heizung anderer Bereiche genutzt werden kann. Wie gesagt: Oft rechnet sich bei großen Gebäuden auch der Betrieb eines eigenen Blockheizkraftwerks.

Wie groß ist der Markt, in dem Sie agieren?
Es ist ein kräftig wachsender Markt. Allein in Deutschland wird sich das Marktvolumen für Dienstleistungen rund um Energie in den kommenden zehn Jahren von heute 2,5 Milliarden Euro fast vervierfachen. Wir gehen davon aus, dass sich die Märkte in den wichtigen Industrieländern, beispielsweise hier in Europa, ähnlich entwickeln werden.

Im privaten Hausbau haben wir Passivhäuser und sogar Häuser, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Sind in Zukunft energieautarke Fabriken denkbar?
Auf jeden Fall. Es gibt zunehmend Standorte und Unternehmen mit einer CO2-freien Fertigung oder einer Versorgung aus 100 Prozent regenerativen Energien. Bereits heute haben sich das große und kleinere Unternehmen zum Ziel gesetzt. Zum Beispiel für Strom oder für Wärme, oder für ein bestimmtes Produkt, welchem ein niedriger „carbon footprint“ als Vermarktungsargument hilft. Das funktioniert bei konsequenter Nutzung aller kleinen und großen Optionen für Einsparungen und regenerative Erzeugung schon sehr gut.

Wie steht es um die Energieeffizienz in deutschen Unternehmen?
Teile des produzierenden Gewerbes haben vor allem in der Produktion schon ein beachtliches Effizienzniveau erreicht. In den vielen Nebenprozessen wie Wärme, Kälte, Druckluft und Lüftung steckt allerdings noch ein erhebliches Potenzial. In viele dieser Prozesse ist in den vergangenen Jahren wenig investiert worden.

Wird Energie in der Industrie in erster Linie verbraucht oder eher verschwendet?
Verschwendung würde heißen, dass die produzierenden Unternehmen bewusst unwirtschaftlich mit Energie umgehen – das ist sicherlich nicht der Fall. Für ein nachhaltiges Handeln ist es allerdings wichtig, sich bewusst dafür zu entscheiden, sich mit dem Thema Energieeffizienz auseinanderzusetzen, es in den Unternehmenszielen zu verankern und Schritt für Schritt umzusetzen.

Was sind die typischen Ansatzpunkte für schnelle Erfolge?
Im Bereich Lüftung und Klimatisierung sind oft Optimierungsansätze zu finden. Gleiches gilt für Druckluft und Wärmeversorgung im Bereich Regelung und Steuerung und für den Wärmetransport. Das sind alles Bereiche, in denen sich Investitionen in die Erhöhung der Energieeffizienz schnell amortisieren.

Und welche Maßnahmen sind eher auf langfristige Refinanzierung ausgelegt?
Hier liegen die wirklich großen Potenziale mit Effizienzsteigerungen im zweistelligen Prozentbereich. Zum Beispiel Maßnahmen zur Abwärmenutzung, Kraft-Wärme-Kopplung oder Umstellung des End-Energieträgers – etwa von Öl auf Biomasse. So hat die Brauerei Rothaus nach unserer Analyse ihre Energieversorgung von Öl auf Holzhackschnitzel umgestellt und spart damit nun enorm viel Geld. Und der Umwelt hilft es auch noch.

Wie sieht es denn bei Ihnen mit den Exporten aus? Wo ziehen die Märkte besonders stark an?
Bosch Energy and Building Solutions ist ein Anbieter von Dienstleistungen und Systemlösungen, die man nicht so ohne Weiteres exportieren kann. Interessante Märkte sind die großen europäischen Volkswirtschaften, die BRIC-Staaten, Nordamerika, aber auch Japan und Korea. Überall dort sehen wir Trends, die Energieeffizienz auf Abnehmerseite zu erhöhen – manchmal weniger vor dem Hintergrund der Klimadebatte, eher mit dem Ziel, Kosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Warum rentiert sich die Eigenstromversorgung für die Unternehmen oder Gemeinden – und wie sieht die Ökobilanz der eigenen Stromversorgung aus?
Das lässt sich so pauschal nur schwer beantworten. Grundsätzlich hat die Eigenversorgung mit Wärme und Strom mehrere Ziele. Eigene BHKWs rentieren sich vor allem dann, wenn ein günstiger Brennstoffpreis einer hohen Nutzung durch vermiedene Stromkosten gegenübersteht. Ein Ziel kann aber auch sein, den CO2-Footprint zu verringern sowie Unabhängigkeit von den Energieversorgern zu erreichen.

Was sind große Technologietreiber rund um den Komplex Energieeffizienz in Zukunft?
Die intelligente Vernetzung von Gebäuden, Liegenschaften und dezentralen Anlagen, um Energieflüsse und Energieverbräuche transparent, verständlich und steuerbar zu machen – nicht nur für Strom, sondern auch für Wärme, Kälte oder Raumluft. Dort, wo diese Transparenz besteht, kann wirklich nachhaltig gehandelt werden.

Internet:
Startseite von Bosch Energy and Building Solutions:
http://bit.ly/1hBdaxp

Die Bosch-Gruppe ist ein international führendes Technologie- und Dienstleistungsunternehmen mit weltweit rund 375 000 Mitarbeitern (Stand: 31.12.2015). Sie erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von 70,6 Milliarden Euro. Die Aktivitäten gliedern sich in die vier Unternehmensbereiche Mobility Solutions, Industrial Technology, Consumer Goods sowie Energy and Building Technology. Die Bosch-Gruppe umfasst die Robert Bosch GmbH und ihre rund 440 Tochter- und Regionalgesellschaften in rund 60 Ländern. Inklusive Handels- und Dienstleistungspartnern erstreckt sich der weltweite Fertigungs- und Vertriebsverbund von Bosch über rund 150 Länder. Basis für künftiges Wachstum ist die Innovationskraft des Unternehmens. Bosch beschäftigt weltweit 55 800 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung an 118 Standorten. Strategisches Ziel der Bosch-Gruppe sind Lösungen für das vernetzte Leben. Mit innovativen und begeisternden Produkten und Dienstleistungen verbessert Bosch weltweit die Lebensqualität der Menschen. Bosch bietet „Technik fürs Leben“.

Das Unternehmen wurde 1886 als „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ von Robert Bosch (1861–1942) in Stuttgart gegründet. Die gesellschaftsrechtliche Struktur der Robert Bosch GmbH sichert die unternehmerische Selbstständigkeit der Bosch-Gruppe. Sie ermöglicht dem Unternehmen langfristig zu planen und in bedeutende Vorleistungen für die Zukunft zu investieren. Die Kapitalanteile der Robert Bosch GmbH liegen zu 92 Prozent bei der gemeinnützigen Robert Bosch Stiftung GmbH. Die Stimmrechte hält mehrheitlich die Robert Bosch Industrietreuhand KG; sie übt die unternehmerische Gesellschafterfunktion aus. Die übrigen Anteile liegen bei der Familie Bosch und der Robert Bosch GmbH.

Mehr Informationen unter www.bosch.com, www.bosch-presse.de, http://twitter.com/BoschPresse.

PI8594 - 27. November 2014

Ihr Ansprechpartner für Journalisten

Thilo Resenhoeft

+49 711 811-7088 E-Mail senden

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