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Herkunft braucht Zukunft Franz Fehrenbach Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH

  • anlässlich der Gala zum Jubiläum „125 Jahre Bosch" am 19. Mai 2011 in Stuttgart
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  • 19. Mai 2011
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Pressetext

Sehr geehrte Damen und Herren!

Allen Ernstes die Strategie für die nächsten 125 Jahre zu erörtern – dafür sollte selbstverständlich der Vorsitzende der Geschäftsführung immer und überall sein Bestes geben. Aber diese Rolle möchte ich heute erst einmal verfehlen. Denn natürlich macht mich solch ein Jubiläum stolz auf die zurückliegenden 125 Jahre. Und ich freue mich sehr, dass Sie an diesem Tag unsere Gäste sind. Eine Freude, die allerdings den Gedanken an ein Land einschließt, das uns nah ist und nicht fern – ein Land, das seit März schwere Zeiten erlebt. Und bei aller Freude über Bosch – auch hier möchte ich das Nach- und Vorausdenken doch nicht vergessen.

Schon unser Firmengründer wirft die Frage auf: Darf das Unternehmen, in dem sein Innovationsgeist nicht von gestern, sondern gegenwärtig ist – darf dieses Unternehmen eigentlich innehalten, bloß weil es eine runde Zahl von Jahren erreicht hat? Was also verbinden wir über diese Feier hinaus mit unserem Jubiläum? Wie Herr Scholl verstehe ich es als Ansporn für neue Leistungen. Hinzufügen möchte ich: Bosch hat eine kraft- und wechselvolle Geschichte – aber diese Geschichte ist nur so gut, wie sie fortgeschrieben wird.

Zukunft braucht Herkunft, heißt es in einem Aufsatz des deutschen Philosophen Odo Marquard. Das zitiere ich gern, was aber ist damit gemeint? Dass sich die Menschen in einer wandlungsbeschleunigten Welt nach dem Vertrauten sehnen. So gesehen ist es gut, dass wir mit Robert Bosch an einem Klassiker festhalten können. Dieser Klassiker aber hätte Marquards Motto vielleicht umgedreht: Herkunft braucht Zukunft. Wie also können wir unsere innovative Tradition fortsetzen, wie erhalten wir unsere Wandlungsfähigkeit, wie können wir mit unserer Geschichte im Rücken das 21. Jahrhundert bestehen? Etwas unternehmen – das heißt nichts anderes, als einen Bogen von der Herkunft in die Zukunft zu schlagen.

Die Verantwortung des Unternehmers: Zukunft gestalten

Das aber setzt eine wenigstens ungefähre Vorstellung voraus, was uns die Zukunft bringt, was wir selbst in Zukunft bringen können. Keine Sorge, an diesem Tag möchte ich nicht in die Glaskugel der Megatrend-Forschung schauen. Zugleich aber werde ich den beiden Versuchungen zur Vereinfachung widerstehen, die sich mit solch einer Feier eben auch aufdrängen: sowohl dem Eindruck eines Zenits, als läge das Beste nun hinter uns, als auch der Illusion von Sicherheit, als verlängerte sich eine Erfolgsgeschichte von selbst. Nur so viel ist sicher: Auch anlässlich des Jubiläums wird uns der Wettbewerb keine Windstille schenken.

Im Gegenteil: Selbst ein noch so stabiles Unternehmen muss sich auf die Dynamik der Welt einstellen: eine Konjunktur, die Achterbahn fährt, eine Globalisierung, die sich mit der Krise nochmals beschleunigt hat, ein Klimawandel, der uns zu neuen Energien zwingt, die Entwicklung des Internet, die alle bisherigen Prognosen alt aussehen ließ. Allerdings weiß ich sehr wohl, dass wir spätestens seit Charlie Chaplin in „modern times“ leben – mit dem Gefühl, dass sich die Räder immer schneller drehen. Doch gerade die Kombination von Globalisierung und Internet bedeutet eine Veränderungstiefe, die jede Satire auf diese unsere schnelllebige Zeit locker überholt.

Wie aber darauf antworten? Den Rückzug auf vermeintlich sichere Nischen vorbereiten, da die Weltwirtschaft eine Kontinentalverschiebung im Zeitraffer hinlegt? So defensiv wird Bosch nie sein. Im Gegenteil: Wir wollen uns vor der Zukunft nicht beschützen, wir wollen sie gestalten. Genau das ist die Verantwortung des Unternehmers. Eine Verantwortung, die frühzeitig Weichen stellt, damit das Unternehmen mit der Dynamik der Welt Schritt hält. Diese Art der Verantwortung ist nicht zum Wohlfühlen da. Sie ist sensibel für Risiken – zugleich aber weiß sie, dass es unverantwortlich wäre, bloß Technologiefolgen abzuschätzen und nicht auch Technologiechancen zu nutzen. Die Lebensbedingungen für eine wachsende Weltbevölkerung verbessern wir durch Tun, nicht durch Nichtstun.

Längst sehen wir dabei auch eine ökologische Globalisierung – etwa die Verschärfung der Emissionsnormen in allen Teilen der Welt. Für die unternehmerische Verantwortung gewinnt damit der Umweltschutz an Bedeutung – und das nicht als schönes Sonntagsbekenntnis, sondern als harte Alltagsarbeit, die um jedes Gramm CO2-Reduzierung kämpft. Auch wenn die Staatenlenker auf ihren Gipfeltreffen grüne Drachen steigen lassen, die ökologische Kraftanstrengung findet in der Industrie statt. Daher heißt das strategische Leitmotiv von Bosch: Technik fürs Leben. Schon jetzt zielt nahezu die Hälfte unseres Forschungs- und Entwicklungsetats auf Umwelt- und Ressourcenschonung. Darin wiederum stecken große wirtschaftliche Chancen. Denn Umweltschutz setzt nicht weniger, sondern mehr Technik voraus. Die Ökologie müssen wir also nicht bloß mit unseren ökonomischen Interessen ausbalancieren – sie ist selbst ein Wachstumsmotor. Darum ist es für uns mehr als ein Wortspiel, wenn wir sagen, wir können Verantwortung nicht bloß übernehmen, wir können sie unternehmen.

Es gibt mehr als einen Weg zur Energie von morgen

Was heißt das für einen überschaubaren Zeitraum – sagen wir, für die nächsten 25 Jahre? Verantwortung über- und unternehmen – dazu drängt uns besonders die Frage nach der Energie von morgen. Ein Thema, das nach den Ereignissen in Japan ganz oben auf der politischen Agenda steht. Ein Thema zugleich, das für Bosch wie für die gesamte Industrie viele Chancen, aber auch große Risiken birgt. Denn nirgends sonst stehen die Fenster in die Zukunft so weit offen wie hier. Egal ob es um die Elektromobilität oder um die organische Photovoltaik geht, wir sind auf Entdeckungsreise in kommende Geschäftsfelder – nicht immer mit der Planungssicherheit, wie wir sie alle gerne hätten. Sicher scheint nur dies: Die neuen Techniken werden nicht plötzlich über uns hereinbrechen. Vielmehr wird es gleitende Übergänge geben. Schon deshalb müssen wir auch etablierte Techniken noch effizienter machen – seien es Gasthermen oder Diesel und Benziner. Und das heißt: mehrspurig entwickeln, alternative Antriebe und regenerative Energien forcieren, aber sich nicht von kurzatmiger Euphorie blenden lassen, vielmehr mit langem Atem kalkulieren. Je größer die Herausforderung, desto größer die Versuchung, vom großen Sprung zu träumen. Es wäre jedoch ökonomisch wie ökologisch unverantwortlich, ließen wir deshalb die vielen kleinen Schritte der Energieeffizienz aus. Wir müssen beides tun – denn mit einem „perpetuum mobile“ werden sich bis auf weiteres nur die Helden von Kinderbüchern fortbewegen.

Wenn die Dinge sprechen lernen: Neues Geschäft im Internet

Besonnenheit, Beharrlichkeit – das sind Eigenschaften, die Bosch noch lange gut brauchen kann. Und doch gibt es Zukunftsaufgaben – die schaffen wir nur, wenn auch wir uns verändern. So berührt zum Beispiel das Internet der Dinge und Services alle Sparten unseres Geschäfts. Was bedeutet es, wenn Maschinen übers Web kommunikativ werden? Nehmen wir nur den Kühlschrank: Ein Hausgerät, das in Zukunft nicht bloß zuverlässig vor sich hin summt, vielmehr sich auch angeregt mit dem Solarkraftwerk über den Strompreis unterhält – und dann Entscheidungen trifft. Und daraus ergeben sich völlig neue Geschäftsmodelle – wiederum Risiken wie Chancen für Bosch. Wir wollen und werden diese Modelle mitgestalten. Das heißt in der Gebäudetechnik: Energieverbrauch und Energiegewinnung je nach Strompreis zu steuern. Diese Internetfähigkeit muss die Domäne von Technologieunternehmen wie Bosch sein, die sich schon deshalb auch als Serviceunternehmen verstehen.

Wider die Erfolgsfalle: Das Unternehmen im Wandel

Solch ein Ziel zielt immer auch auf die eigene Mannschaft. Es heißt nicht, dass wir unsere klassischen Stärken im Zusammenspiel von Feinmechanik und Elektronik aufgeben – wohl aber müssen wir sie ergänzen. Und dazu gilt es, bewährte Denkmuster aufzubrechen. Nichts wirkt konservativer als der Erfolg – das steckt schon in der Sportler-Erfahrung „Never change a winning team“. Wie aber ein erfolgreiches Unternehmen fähig für kontinuierlichen Wandel machen? Dazu können wir aus der Systemtheorie lernen, wie trügerisch sich Organisationen durch Selbstüberschätzung stabilisieren. Meine eigene Handballer-Erfahrung sagt hier: Siege, Triumphe, Meisterschaften – danach muss der Trainer nicht mehr motivieren, aber irritieren sollte er durchaus. Er muss seiner Mannschaft neue, die Erfolgsroutine störende Ziele stecken.

Das Beste aber muss das Team selbst sein – schon deshalb gilt unseren Mitarbeitern an diesem Tag mein besonderer Dank. Ohne eine erstklassige Mannschaft ist auch im Unternehmen alles nichts. Und erstklassig heißt nicht zuletzt: kulturell vielseitig. Viele wichtige Entwicklungen für die Schwellenländer sind bei Bosch bereits aus der Zusammenarbeit unserer Ingenieure aus allen Teilen der Welt hervorgegangen. Internationalität hat einen Mehrwert – und wir haben noch viel Spielraum, ihn auszuschöpfen.

Zukunftsmarkt China: Auch eine kulturelle Herausforderung

Internationalisiert haben sich Unternehmen wie Bosch zunächst vor allem in Europa und Amerika, also in den Bahnen westlich geprägter Kultur. Lange war vor allem Japan die große Ausnahme – auch deshalb ist unsere Solidarität mit den Japanern derzeit so groß. Längst aber setzt ein Land wie China gegenüber den etablierten Industrieregionen zum Auf- und Überholen an. Ein Land, das weltweit das größte Wachstumspotenzial bietet. Ein Land, das in besonderem Maße die Umwelttechnik aus unserem Haus nachfragt. Nirgendwo sonst haben wir außerhalb Deutschlands soviel Mitarbeiter wie dort. China ist aber auch ein Land, das mit seiner großen Geschichte die 125 Jahre von Bosch beinahe wie einen Wimpernschlag erscheinen lässt. Dabei gibt es erstaunliche Berührungspunkte. Wenn zum Beispiel Laotse immer wieder den Gedanken variiert hat, das Gute glänzt nicht, so verträgt sich das nahtlos mit der für ein schwäbisches Unternehmen gebotenen Zurückhaltung. Aber China hat eigene politische und kulturelle Maßstäbe. Umgekehrt müssen auch Unternehmen wie Bosch sich treu bleiben, sie sind keine geschichts- und gesichtslosen „global player“. Es ist eine gute Erfahrung, dass gerade unsere chinesischen Mitarbeiter unsere Bosch-Werte zu schätzen wissen. Auf Dauer könnte der wirtschaftliche und soziale Austausch anregender wirken als jeder auch noch so gut gemeinte Appell. Wir wollen offen sein für andere Kulturen – ebenso wie andere Kulturen offen sein können für uns. Auch so wird Globalisierung für alle Seiten fruchtbar.

Schluss: Die Energiequellen des erneuerbaren Unternehmens

Letztendlich aber werden sich Unternehmen wie Bosch einer Doppelaufgabe nie entziehen können: Sie dürfen ihre Identität nicht auswechseln, müssen aber den Veränderungen auf ihren Märkten möglichst voraus sein. Wo sie es nicht sind, spüren sie es sehr bald über ihre Kunden. Die Geschäftspartner sind für jede Firma das Fenster zur Welt. Dass sie uns nicht nur vertrauen, vielmehr auch fordern – dafür möchte ich an diesem Tag besonders danken. Auch das Auto ist bekanntlich 125 Jahre alt geworden – jung bleiben konnte es nur mit den Innovationspartnerschaften, die Hersteller und Zulieferer immer wieder eingegangen sind. Und für jede unserer Branchen gilt: Die kommenden Herausforderungen sind so groß, dass wir zwar den Stachel des Wettbewerbs, aber auch die Kraft der Zusammenarbeit brauchen.

Die Größe der Zukunftsaufgaben, davon bin ich überzeugt, wird eine fruchtbare Wirkung haben. Sie fördert den Druck in unseren Innovationspartnerschaften, sie steigert die Beweglichkeit der eigenen Mannschaft – wie ein soziales Antiblockiersystem. Das gehört zu den Energiequellen, die ein traditionsreiches, zu einem erneuerbaren und dynamischen Unternehmen machen.

Nichts aber erneuert ein Unternehmen mehr als erstklassiger Nachwuchs. Auch deshalb bauen wir unsere Hochschulförderung aus. Gezielt wird Bosch in den kommenden zehn Jahren mit 50 Millionen Euro Universitäten und Forschungsinstitute in Deutschland, China, Indien und den USA unterstützen. Insgesamt werden wir in diesem Zeitraum mehr als 110 Millionen Euro für Bildungs- und Forschungsinitiativen aufwenden, die wir anlässlich unseres Firmenjubiläums neu aufgelegt haben. Solche Ausgaben nützen unserem Unternehmen ebenso wie der Gesellschaft – ein Ausgleich, wie ihn schon Robert Bosch verstanden hat.

Zukunft braucht Herkunft, das ist wahr. Indem wir die Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft immer wieder ausbalancieren, in diese Balance auch den Umweltschutz einschließen, bewegen wir uns in der Kontinuität eines Robert Bosch. Aber das Beispiel der Bildungs- und Forschungsförderung zeigt: Es gibt Traditionen in unserem Haus, die wirken innovativ. Die Herkunft von Bosch hat Zukunft.

RF00110 - 19. Mai 2011

Ihr Ansprechpartner für Journalisten

Claudia Arnold

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