Wirtschaft

„Fakten muss man akzeptieren" – Ausstieg aus dem Solarbereich Interview mit Franz Fehrenbach,
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH
und Dr. Volkmar Denner,
Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH

Das Interview erscheint heute (22.03.2013) im Bosch Mitarbeiter-Magazin „BoschZünderOnline" und ist frei zur weiteren Veröffentlichung

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  • 22. März 2013
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Pressetext

Herr Denner, Sie haben am 22.3. verkündet, aus dem Solargeschäft ganz auszusteigen. Warum?
Denner: Wir haben im vergangenen Jahr einen Verlust in Höhe von 1 Milliarde Euro verkraften müssen. Aufgrund der veränderten Marktbedingungen haben wir keine Chance auf eine dauerhafte Verbesserung gesehen. Den weiterhin massiven Preisdruck in einem immer schwieriger werdenden Markt konnten wir nicht auffangen. Obwohl wir 2012 unsere Herstellkosten deutlich gesenkt haben, reichte dies nicht aus, die bis zu 40 Prozent Preisverfall zu kompensieren. Heute schreibt fast die gesamte Solar Branche weltweit tiefrote Zahlen.

Welche Überlegungen haben zu dieser Entscheidung geführt?
Denner: Bosch hat im vergangenen Jahr alle Aspekte des Solar-Geschäfts im Hinblick auf weitere Fortschritte bei der Technologie, bei weiteren Möglichkeiten zur Kostensenkung sowie bezüglich möglicher Kooperationen, umfassend geprüft. Allerdings ergab sich aus keiner dieser Möglichkeiten eine wirtschaftliche und langfristig tragfähige Lösung.

War der Einstieg in die Solar-Branche also damals falsch?
Denner: Nein. Wir haben den Einstieg damals gründlich in allen Aspekten geprüft und systematisch vorbereitet. Die derart drastischen Veränderungen im Markt, insbesondere der schnelle Kapazitätsaufbau in China, waren in dieser Dramatik nicht vorherzusehen. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass die Photovoltaik im Energiemix der Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Verluste in dieser Höhe können aber auch wir uns nicht über einen längeren Zeitraum leisten.

Herr Fehrenbach, sehen Sie den Ausstieg als persönliche Niederlage bzw. Fehler an?
Fehrenbach: Die Entscheidung fiel uns schwer: Einmal aufgrund des großen Verlustes, den wir zu verzeichnen haben. Dann auch aufgrund der Aussichten und der Rolle, die der Sonnenenergie in Zukunft zukommen wird – nur können wir solch große Verluste nicht auf lange Zeit verantworten. Und nicht zuletzt aufgrund der Verantwortung für die vielen Mitarbeiter und ihre Familien. Unsere Beschäftigten haben sich bis zuletzt sehr engagiert und auch große Fortschritte bei der Senkung der Herstellkosten erzielt. Allerdings hat sich der Preisverfall am Markt unvorstellbar rasant entwickelt, und technologisch konnten wir nicht noch größere Fortschritte in derselben Zeit erreichen. Wir alle müssen uns eingestehen, dass alle diese Fortschritte nicht ausreichend genug waren, um dauerhaft wettbewerbsfähig und wirtschaftlich auf dem Markt agieren zu können. Ja, das schmerzt. Aber grundsätzlich gilt: Zum unternehmerischen Agieren gehören nicht nur Erfolge, auch Niederlagen. Und wenn sich Marktbedingungen so fundamental ändern wie in dieser Branche, dann müssen wir auch unsere Schlussfolgerungen ändern. Theoretisch erscheint unsere jetzt getroffene Entscheidung plausibel und nachvollziehbar und dennoch: Dies ist vielleicht die schmerzhafteste Erfahrung, die ich in meinem Berufsleben erleben muss.

Die Entscheidung kostet nun rund 3.000 Mitarbeitern den Arbeitsplatz. Ist das mit der Bosch-Verantwortung vereinbar?
Denner: Grundsätzlich haben wir uns die Entscheidung auch aus diesem Grund nicht leicht gemacht. Daher haben wir alle Möglichkeiten und Optionen bis jetzt geprüft und abgewogen. Unsere Verantwortung ist allerdings nicht auf einzelne Standorte begrenzt, sondern sie gilt für alle Arbeitsplätze innerhalb der Bosch-Gruppe weltweit. Wenn man erkennen muss, dass man voraussichtlich in einem Bereich auf Dauer mit gänzlich veränderten Marktbedingungen nicht wirtschaftlich erfolgreich sein kann, gehört es auch zur unternehmerischen Verantwortung, aus solch einem Geschäft auszusteigen und dauerhafte massive Verluste zu stoppen, um die Sicherung des gesamten Unternehmens gewährleisten zu können. Zur Verantwortung gehört aber auch, dass wir unsere Mitarbeiter im Solar-Geschäftsbereich in dieser schwierigen Zeit nicht allein lassen, sondern versuchen werden, sie bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen an anderen Bosch-Standorten und bei anderen Unternehmen zu unterstützen. Hierzu bleiben wir auch mit den Führungskräften und Arbeitnehmervertretern in intensivem Austausch.

Herr Fehrenbach, sind Sie eigentlich einverstanden mit dieser Entscheidung? Schließlich waren Sie es, der ab 2008 den schrittweisen, aber großen Einstieg gefördert hat.
Fehrenbach: Ja, die Entscheidung trage ich absolut mit. Ich habe immer gesagt, dass es eine Querfinanzierung des Solar-Bereiches auf Dauer nicht geben kann. Wir haben heute ganz andere Rahmenbedingungen als 2008. Der Markt unterlag einem dramatischen Preisverfall von bis zu 40 Prozent pro Jahr. Auch andere mussten bereits aus dem Markt aussteigen. Fakten muss man akzeptieren. Das gilt auch für das Technologie- und Dienstleistungsunternehmen Bosch, auch wenn wir uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben und bis zuletzt intensiv nach alternativen Lösungen gesucht haben. Dies erkenne auch ich als Aufsichtsratsvorsitzender an und trage diese Entscheidung voll mit.

Ist Ihre Strategie der Diversifizierung und des ökologischen Ansatzes damit hinfällig?
Denner: Nein, die Bosch-Gruppe macht mehr als 40 Prozent des Umsatzes mit energieeffizienten und ressourcenschonenden Produkten, und wir geben von unseren F&E-Ausgaben die Hälfte für die Entwicklung neuer umweltschonender Produkte aus, das sind rund 2,4 Milliarden Euro. Die Unternehmensstrategie behalten wir trotz des Ausstiegs aus dem Solargeschäft bei.
Fehrenbach: Die Berücksichtigung ökologischer Belange bleibt ein wichtiger Eckpfeiler unserer Unternehmensstrategie. Auch sind wir weiterhin überzeugt davon, dass die regenerativen Energien einen bedeutenden Anteil am Energie-Mix der Zukunft haben werden, auch die Photovoltaik. Allerdings sind wir aufgrund unserer gegebenen Position und der veränderten Umfeldbedingungen auf diesem Gebiet nicht mehr wettbewerbsfähig.

Was heißt der Ausstieg für den neuen Unternehmensbereich Energie- und Gebäudetechnik in der Zukunft?
Denner: Den größten Anteil am Unternehmensbereich Energie- und Gebäudetechnik haben unsere Geschäftsbereiche Thermotechnik und Sicherheitssysteme. Da Bosch sich derzeit auf das Thema „Vernetzung“ quer durch alle Unternehmensbereiche fokussiert, gibt es viel Potenzial für die Entwicklung bereichsübergreifender Produkte, auch ohne den Bereich Solar Energy. Nur wenige Unternehmen verfügen weltweit über eine solche Breite an sich ergänzenden Kompetenzen.

Wie viel werden Sie die vier Jahre im Solar-Markt bei Abschluss des kompletten Ausstiegs insgesamt gekostet haben?
Denner: Der aufsummierte Verlust beläuft sich derzeit auf 2,4 Milliarden Euro, einschließlich der Sonderabschreibungen von 1,6 Milliarden Euro. Zusätzlich kommen noch die Kosten für den Ausstieg selber hinzu. Da diese Abwicklung mit verschiedenen Risiken behaftet ist und die Details der Umsetzung gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt werden, können wir zum jetzigen Zeitpunkt hier keine Größenordnung nennen.

Und wie lange wird der Ausstieg tatsächlich dauern? Also bis alles geschlossen oder verkauft ist und mit den Gewerkschaften verhandelt wurde?
Denner: Dies wird einige Zeit dauern. Einerseits beanspruchen die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern entsprechend Zeit, andererseits wird sich auch der Verkauf einzelner Bereiche der Fertigung nicht von heute auf morgen bewerkstelligen lassen. Gelingen die Veräußerungen nicht, müssen wir die Fertigung Anfang 2014 einstellen. Parallel dazu würden ebenfalls alle Entwicklungs-, Vertriebs- und Verwaltungsaktivitäten geschlossen.

RF00191 - 22. März 2013

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