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125 Jahre Bosch: Sozialer Dialog hat Zukunft Alfred Löckle, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats sowie stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH

  • anlässlich der Gala zum Jubiläum „125 Jahre Bosch“ am 19. Mai 2011 in Stuttgart
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  • 19. Mai 2011
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Pressetext

Sehr geehrte Damen und Herren,

solch ein doppeltes Jubiläum führt in die Versuchung, ganz einfach stolz auf dieses Unternehmen und seinen Gründer zu sein. Das empfinde ich an diesem Tag sehr wohl, aber ich wäre nicht Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, wollte ich diesem Gefühl unreflektiert nachgeben. Sicher, es gibt die Geschichte vom „roten Bosch“. Eine Geschichte, die bis zur Einführung des Acht-Stunden-Tages vor mehr als 100 Jahren zurückreicht. Eine Geschichte, die noch heute gerne beschworen wird. Doch das soziale Geschehen in diesem Unternehmen geradlinig auf Großtaten von oben zurückzuführen – das hieße Legenden zu erzählen.

Denn die Geschichte von Bosch ist auch eine Geschichte der Emanzipation der Boschler. Dieses Unternehmen gehört zwar mehrheitlich einer Stiftung, aber es war nie ein soziales Paradies. Die ausgeprägte Dialogkultur bei Bosch, die wir heute pflegen, war nicht von Anfang an da, sie ist erst mit erkämpften Rechten in der Nachkriegszeit gewachsen – guten Tarifverträgen, Betriebsverfassung und Mitbestimmung. Und vor allem haben Generationen von Arbeitnehmervertretern darum gekämpft – oft mit den Bosch-Belegschaften in vorderster Linie. Heute können wir als Betriebsräte auf Augenhöhe mit der Firmenseite reden und ringen. Es ist gerade auch diese Geschichte, auf die wir stolz sind.

Unseren Firmengründer auf die Rolle des fürsorglichen Firmenpatriarchen zu reduzieren, hieße ihn sozialromantisch zu verklären. Bei ihm gäbe es keine Wohltätigkeit zu fotografieren, so lehnte Robert Bosch selbst im Jahr 1913 seine Aufnahme als sozialer Unternehmer in ein Buch zum Kaiserjubiläum ab. Auch zu seinen Lebzeiten gab es heftige Arbeitskämpfe – Streik und Aussperrung. Und Robert Bosch selber trug auf seine besondere Weise dazu bei, dass die von ihm gegründete Firma eine Bastion der Gewerkschaften wurde. Denn von Anfang an achtete er darauf, möglichst gute Kräfte einzustellen. Und genau dieser hochqualifizierte Teil der Arbeiterschaft war bald nicht nur das Rückgrat des Unternehmens, sondern auch der Gewerkschaften, die doch aus Arbeiterbildungsvereinen hervorgegangen waren.

Bei allen Unterschieden der Meinungen und der Interessen – man lernte einander schätzen. Heute herrscht Pragmatismus – und dieser Einstellung ist es zu verdanken, dass sozialer Dialog bei Bosch heute mehr ist als ein „win-win“ für gute Zeiten. Zumindest ging er auch in der Wirtschaftskrise vor zwei Jahren nicht verloren. Das war die tiefste Krise der Nachkriegszeit. Es war aber auch die erste Krise ohne größere Arbeitsplatzverluste in Deutschland. Die Weiterentwicklung der Tarifverträge und unserer Regelungen zur Arbeitszeitflexibilisierung haben dazu beigetragen – entscheidend war aber die pragmatische Bereitschaft auf allen Seiten, die Kernmannschaft zu halten. Das hat uns im Aufschwung geholfen. Aber haben wir damit ein „happy end“ erreicht?

Das wird es in der Betriebsratsarbeit nie geben – nicht bloß, weil die Krisen kommen und gehen. Vielmehr liegen ganz grundsätzlich schwierige Arbeitsfelder vor uns. Das Tempo der Globalisierung lässt nicht nach. Ein gewaltiger technologischer Wandel steht bevor. Und es ist nicht ausgemacht, ob diese Umwälzungen mit den Beschäftigten bewältigt werden oder ohne sie. Was aber haben die Mitarbeiter in unseren Stammwerken von Elektroantrieb oder den Systemen für regenerative Energien? Langfristige Standortsicherung verlangt vorausschauendes Denken. Kompetenz- und Qualifizierungsperspektiven für unsere Standorte in den Industrieländern sind gefragt. Lösungen, die unsere Belegschaften auf dem Weg in die Zukunft mitnehmen, gibt es auch beim Bosch nicht geschenkt. Wir werden hart darum zu ringen haben. Und schließlich muss sich das globalisieren, was ich eingangs betont habe: die Emanzipation der Boschler. Darf die Mitbestimmung an den deutschen Grenzen Halt machen, wenn es das Unternehmen schon lange nicht mehr tut? Zwei weltweite Treffen der Arbeitnehmervertreter hat es bereits gegeben, im nächsten Jahr folgt ein weiteres.

Vielleicht erfüllen wir ja gerade damit einen Anspruch von Robert Bosch selbst, der die Mitarbeiter anlässlich seines 80. Geburtstags wörtlich als „gleichberechtigte Vertragspartner“ bezeichnet hatte. Schon in Deutschland, das zeigt die Erfahrung, ist diese Augenhöhe keine Selbstverständlichkeit – um sie muss immer wieder gerungen werden. Letztlich kommt die Mitbestimmung auch dem Unternehmen zugute, haben doch gerade die Mitarbeiter ein starkes Interesse an einer positiven Zukunft von Bosch. Jetzt tragen wir diesen Gedanken in alle Welt.

RF00123 - 19. Mai 2011

Ihr Ansprechpartner für Journalisten

Claudia Arnold

+49 711 811-6403 E-Mail senden

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